{"id":4105,"date":"2023-08-20T19:15:00","date_gmt":"2023-08-20T18:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/?p=4105"},"modified":"2024-08-20T19:19:17","modified_gmt":"2024-08-20T18:19:17","slug":"mein-hund-mein-lehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/alle-beitraege\/mein-hund-mein-lehrer\/","title":{"rendered":"Mein Hund, mein Lehrer"},"content":{"rendered":"\n<p>Alles hat etwas Gutes, auch ein r\u00fcpeliger Teenie-Hund.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Zeit mit einem Vierbeiner kann sehr aufregend sein. Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen, aber der kleine Kerl hat mein Leben von einem Tag auf den anderen vollkommen auf den Kopf gestellt. Und wie sich im Nachhinein herausstellte, war das gut so. Aber von Anfang: <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hier ein Fetzen K\u00fcchenrolle, da eine kleine Pf\u00fctze, schwarze Hundehaare, wohin das Auge reicht, und angeknabberte M\u00f6bel, Socken und Schuhe. Zudem eine sehr m\u00fcde und leicht gestresste Version meiner selbst. Das war das Res\u00fcmee nach den ersten Wochen mit meinem kleinen Welpen Archie. Ganz m\u00fchelos schaffte er es Tag f\u00fcr Tag, meine museumsartige Wohnung in eine absolute Chaos-Bude zu verwandeln. W\u00e4hrend ich bem\u00fcht war, sein Chaos zu beseitigen, erschuf er stets neue &#8222;Kunstwerke&#8220;. Vorbei war es mit der Spontanit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t, die ich einst so liebte. Denn selbst die kleinsten Unternehmungen, wie etwa der Wocheneinkauf im Biomarkt, wurden pl\u00f6tzlich zu gr\u00f6\u00dferen Projekten, die gut durchdacht werden mussten. Vor allem, wenn man \u2013 wie ich \u2013 so wahnsinnig ist und sich alleine einen Hund zulegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wusste ich damals in der Theorie \u00fcber die Bed\u00fcrfnisse eines Hundes Bescheid. Gewissenhaft wie ich bin, habe ich im Vorfeld einige Welpen- und Hundeb\u00fccher gelesen und uns direkt zu Beginn in der Hundeschule eingebucht. Kann ja nichts mehr schiefgehen, dachte ich &#8230; f\u00fcr genau eine Woche. Denn die Realit\u00e4t sah deutlich anders aus.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Vorstellung vs. Realit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich hatte immer diese \u201efilmreifen\u201c Vorstellungen im Kopf, in denen der Hund mit mir durch den Stadtpark joggt, im Restaurant schlafend auf seiner Decke liegt und selbst im gr\u00f6\u00dften Trubel ganz entspannt neben mir her spaziert, w\u00e4hrend ich in der anderen Hand noch einen Cappuccino halte und mit einer Freundin quatsche. Doch einige dieser beschriebenen Situationen sind selbst nach zwei Jahren als Hundemami immer noch eines: Vorstellungen. Denn wer denkt, mit drei Monaten Hundeschule habe sich die Erziehung erledigt, hat entweder keinen Hund oder aber einen verdammt entspannten \u2013 und davon gibt es nach meiner Erfahrung nicht viele, vor allem nicht in der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Hundepubert\u00e4t.<br>Erziehung findet nicht ein- bis zweimal die Woche in der Hundeschule statt, Erziehung passiert im Alltag und ben\u00f6tigt Zeit. Immerhin stellen wir eine Menge Anforderungen an unsere Hunde. Komm, wenn ich dich rufe. Warte, bis ich dich freigebe. Springe keine Leute an. Verhalte dich ruhig, wenn wir unterwegs sind. P\u00f6bel nicht an der Leine. Sei nett zu Artgenossen und so weiter. Die Liste ist endlos.<br>Nat\u00fcrlich ist das alles auch Ansichtssache, und ich wei\u00df, dass nicht jeder die gleichen Anspr\u00fcche an seinen Hund stellt wie ich. Aber mein Ziel ist es, meinen Alltag gemeinsam mit Archie ganz entspannt zu meistern, so dass es uns beiden dabei gut geht. Ich m\u00f6chte, dass wir gemeinsam Spa\u00df haben und uns gegenseitig vertrauen k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte, dass er ein rundum gl\u00fcckliches Hundeleben f\u00fchrt, und daf\u00fcr braucht es Grenzen. Das musste ich auf die harte Tour lernen, als aus dem kleinen Kerl mit etwa sieben Monaten pl\u00f6tzlich ein Halbstarker wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Das Pubertier<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Archies Pubert\u00e4t traf mich damals ohne Vorwarnung. Aus meinem kleinen Baby wurde pl\u00f6tzlich dieser r\u00fcpelige Elefant im Porzellanladen, dessen s\u00fc\u00dfes K\u00f6pfchen so voller Hormone war, dass er \u00fcber Nacht nicht nur seinen Namen vergessen hatte, sondern auch alles, was er jemals gelernt hatte. Vorbei war es mit dem Hinterherdackeln auf Schritt und Tritt. Nein, jetzt wollte er es wirklich wissen. Grenzen wurden ausgetestet, Kommandos wurden gekonnt ignoriert, und ganz pl\u00f6tzlich hatten wir Baustellen, von denen ich vorher noch nie geh\u00f6rt hatte. Archie war in dieser Zeit das Gegenteil von alltagstauglich. Dieser energiegeladene Hund freute sich so sehr \u00fcber jeden Menschen, jeden Hund, jeden Grashalm und jedes durch die Luft fliegende Blatt, dass er wie ein wildgewordener Dinosaurier in die Leine sprang und dabei bellte, sobald er nicht das bekam, was er wollte. Seine Frustrationstoleranz lag bei minus 100 und ergab gemeinsam mit der fehlenden Impulskontrolle eine ziemlich herausfordernde Kombination. Er sprang aus dem Nichts wildfremde Menschen an, fra\u00df Dinge, die ein Hund definitiv nicht essen sollte, und zog so stark an der Leine, dass ich mehr als einmal mitgeflogen bin.<br>Mir blieben damals nur zwei M\u00f6glichkeiten: v\u00f6llige Selbstisolation oder intensiv an unseren Themen arbeiten. Und ich habe Letzteres gew\u00e4hlt. Ich wollte ihn besser verstehen und lernen, wie ich mit ihm kommuniziere, damit er auch mich versteht. Dabei habe ich nicht nur einiges \u00fcber Hunde und deren Erziehung gelernt, sondern auch \u00fcber mich selbst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bilder_Blog-709x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4109\" width=\"254\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bilder_Blog-709x1024.png 709w, https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bilder_Blog-208x300.png 208w, https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bilder_Blog-768x1109.png 768w, https:\/\/www.tantefine.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Bilder_Blog.png 900w\" sizes=\"(max-width: 254px) 100vw, 254px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2><strong>Hundeerziehung ist Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Hunde reagieren nicht nur auf unsere \u00e4u\u00dferen Signale, sondern verleihen auch unserer inneren Haltung Ausdruck. Archies Verhalten liefert mir immer wieder Hinweise darauf, was bei mir gerade \u201eschiefl\u00e4uft\u201c oder woran ich selbst noch arbeiten kann. So wurde mir oft bewusst, dass ich von ihm Verhaltensweisen verlange, die ich selbst nicht beherrsche. Die Themen Geduld und Rastlosigkeit waren die besten Beispiele. Wir arbeiten immer noch gemeinsam daran. Aber auch in f\u00fcr ihn schwierigen Situationen \u00fcbertrug sich meine Haltung auf ihn. Ich verlangte von ihm Gelassenheit, war aber selbst aus Angst vor der n\u00e4chsten Katastrophe oder Blamage total angespannt. Und davon gab es eine Zeit lang reichlich, glaubt mir. Ich musste also im ersten Schritt an meiner eigenen Haltung arbeiten. Und das ist ein Prozess, der wahrscheinlich nie zu Ende geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war schon immer eine ziemliche Perfektionistin mit geringer Fehlertoleranz. Den gleichen Anspruch hatte ich leider lange Zeit auch an meinen Hund, bis ich verstand, dass jeder Hund anders ist und gerade die einzelnen Charaktereigenschaften jeden so einzigartig und liebenswert machen. Nicht alles muss perfekt sein und ja, man kann Pleiten, Pech und Pannen durchaus auch mit mehr Humor nehmen. In diesem Punkt bin ich mittlerweile Meister geworden. Ich kann herzhaft \u00fcber Archies Frechdachs-Momente lachen und sch\u00e4tze seine lustige und aufgeweckte Art sehr. Diese innere Haltung f\u00fchrt dazu, dass es f\u00fcr mich kaum noch Situationen gibt, die mir unangenehm sind oder Stress in mir ausl\u00f6sen. Ich kann Archie die n\u00f6tige Souver\u00e4nit\u00e4t und Gelassenheit geben, die er braucht \u2013 selbst dann, wenn er sich mal danebenbenimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer sehr wichtiger Punkt, den ich gelernt habe, ist: H\u00f6rt auf euer Bauchgef\u00fchl. Diesen Ratschlag kann man eigentlich auf sein ganzes Leben anwenden. Denn unser Bauchgef\u00fchl hat meistens recht. In der Hundeerziehung bedeutet das konkret: H\u00f6rt auf, euch mit anderen zu vergleichen, und geht euer eigenes Tempo. Wenn sich etwas nicht richtig anf\u00fchlt, macht es nicht. Was f\u00fcr andere gilt, muss nicht auch bei euch funktionieren. Ihr kennt euren Hund am besten. Und ja, es gibt wirklich tolle Hundetrainer und Ratgeber, und ich selbst h\u00e4tte ohne diese wahrscheinlich immer noch einen kleinen R\u00fcpel an meiner Seite, aber am Ende entscheidet ihr, was ihr daraus zieht und was nicht. Jedes Hund-Mensch-Team ist individuell.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend waren die letzten zweieinhalb Jahre mit Archie eine Achterbahn der Gef\u00fchle. Was \u00fcberwiegt, ist allerdings die Liebe zu diesem kleinen Knirps, der mich so sehr ver\u00e4ndert hat. Er hat mich zu einem entspannteren und gelasseneren Menschen gemacht und zeigt mir jeden Tag aufs Neue, wie pure Lebensfreude funktioniert. Danke, Archie, f\u00fcr all das. Du bist mein Seelenhund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles hat etwas Gutes, auch ein r\u00fcpeliger Teenie-Hund. Die erste Zeit mit einem Vierbeiner kann sehr aufregend sein. Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen, aber der kleine Kerl hat mein Leben von einem Tag auf den anderen vollkommen auf den Kopf gestellt. Und wie sich im Nachhinein herausstellte, war das gut so. 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